Im März 2024 habe ich einen Text geschrieben, der Burning Boats heißt. Er liegt noch in meinen Notizen, mit einem Motivationsvideo darunter und einem Remix gleichen Namens. Der erste Satz lautet:
Versetze Dich in eine Situation, in der zu viel auf dem Spiel steht, um Zeit und Ressourcen zu verschwenden.
Dann kommen Alexander, die Spartaner und Hernán Cortés, die ihre Schiffe verbrennen, damit nur noch eine Richtung bleibt. Nichts ist kraftvoller als keine Optionen mehr zu haben. Am Ende stand eine Frage, mit einem Fluch darin, den ich hier nicht wiederhole: ob ich bereit sei, mein Boot zu verbrennen und nach vorne zu stürmen.
Ich war es. Ich habe in meinem Leben einige Boote verbrannt, indem ich immer wieder „all in“ gegangen bin.
Was Cortés wirklich tat
Cortés hat seine Schiffe 1519 übrigens nicht verbrannt. Er ließ sie auf Grund setzen und abwracken. Eisen, Segel und Tauwerk wurden geborgen und aufbewahrt. Zwei Jahre später steckten sie in den Brigantinen, die er für den Angriff auf eine Stadt in einem See bauen ließ.
Das Feuer ist eine spätere Zutat, weil es sich besser erzählt. Ein brennendes Schiff ist ein Bild. Ein abgewracktes Schiff, dessen Planken man sortiert, ist Arbeit.
Mir gefällt die wahre Fassung inzwischen besser.
Der schlimmste Fall
In meinem Text von 2024 gibt es einen Absatz, der die ganze Rechnung trägt:
Das Schrecklichste, das Schlimmste, was uns passieren kann, wenn wir alles dran setzen, erfolgreich zu sein, ist Hartz4.
So habe ich bei jeder Gründung gerechnet. Ich war immer der, der am Tisch fragte: Was kann uns im schlimmsten Fall passieren? Und die Antwort lautete immer gleich: Ein Dach über dem Kopf, Essen, Wärme. Und viel, viel Zeit.
Damals war das der Boden, von dem man sich abstößt. Der schlimmste Fall war gerade gut genug, um keine Angst vor dem Sprung zu haben.
Vor ein paar Tagen ist mir dieselbe Liste wieder eingefallen, ohne dass ich an den alten Text dachte. Dach, Essen, Wärme, Zeit. Und ich merkte, dass ich genau so ein Wochenende gerade hinter mir hatte: ein Zelt, etwas zum Grillen, eine Flasche heißes Wasser gegen die Kälte und viel Zeit. Ich hatte es Frieden genannt.
Die Liste ist dieselbe geblieben. Geändert hat sich, in welche Richtung ich sie lese.
Die letzten Menschen
Bei Nietzsche gibt es eine Figur, vor der ich mich lange gefürchtet habe: den letzten Menschen. Er will es warm haben und keinen Ärger. Er hat, wie Zarathustra sagt, das Glück erfunden und blinzelt dabei.
In meinen alten Notizen habe ich ihn mir übersetzt, als Plankton, das in der Strömung treibt. Eingesponnen in immer gleiche Gedanken. Dagegen sollte das brennende Boot helfen: lieber alles riskieren, als so zu treiben.
Die ehrliche Frage lautet also: Ist meine neue Liste, Dach, Essen, Wärme, Zeit, das Glück des letzten Menschen? Habe ich aufgehört zu stürmen und angefangen zu blinzeln?
Ich glaube, der Unterschied liegt nicht in der Liste, sondern darin, was in der Zeit passiert.
Treibholz
Treibholz ist mein altes Bild für den, der sich treiben lässt und durchs Leben driftet. Ein Ast fällt in den Fluss, die Strömung nimmt ihn mit und legt ihn irgendwo ab. Ob es dort besser ist, entscheidet nicht der Ast.
Ich sammle es immer wieder, an Flüssen, an Ufern, überall, wo Wasser es ablegt, und jedes Mal erinnere ich mich an dieses alte Bild und daran, wie es sich gewandelt hat. Ich hebe ein Stück auf, drehe es um und sehe nach, was Wasser und Zeit daraus gemacht haben. Manchmal steckt schon ein Griff darin. Manchmal eine Geschichte. Oder es ist nur Brennholz für mein Camp am Wasser.
Das Treibholz bin nicht mehr ich. Es ist das, was ich in die Hand nehme.
Darin liegt für mich der Unterschied zum letzten Menschen. Er hat die Zeit und macht nichts daraus. Das Plankton treibt. Wer Treibholz sammelt, steht am selben Ufer, an dem die Strömung alles ablegt, und sucht sich aus, was zu ihm spricht.
Die Boote nicht verbrennen
Ein verbranntes Boot ist Asche. Mehr bleibt nicht übrig, außer einer guten Geschichte.
Ein abgewracktes Boot ist Holz.
Ich weiß nicht mehr, ob es mutig war, all die Boote zu verbrennen. Manche Male war es nötig. Manche Male bin ich nur weggelaufen und habe es Aufbruch genannt. Von außen sieht beides gleich aus, es brennt nur hell.
Heute baue ich lieber mit dem, was angeschwemmt wird. Der Weg zurück bleibt offen, und das macht mich nicht zögerlicher. Es macht mich ruhiger beim Auswählen.
Die Frage von damals lautete: Bist du bereit, dein Boot zu verbrennen?
Die Frage von heute ist kleiner: Was machst du aus dem Holz, das schon da ist?
Den Plan dazu gibt es zum Nachbauen: DriftCraft.