Irgendwann habe ich aufgehört zu fühlen.
Ich weiß nicht wann. Es gab keinen Tag, an dem ich aufgewacht bin und beschlossen hätte: Ab jetzt nichts mehr rein lassen. Es war eher wie eine Beschichtung, die sich Schicht für Schicht aufgetragen hat, über Jahre, bis nichts mehr durchkam. Teflon. Glatt. Undurchlässig. Alles glitt ab.
Stattdessen habe ich gekämpft. Optimiert. Gemanagt. Systeme gebaut, Prozesse aufgesetzt, Morgenroutinen, Abendreflexionen, Journale, Tabellen, Pläne. Alles unter Kontrolle. Alles im Griff.
Und das ist das Verrückte — die Welt belohnt das. Die Welt sagt: Guter Mann. Produktiv. Hat seine Sachen zusammen. Funktioniert.
Funktioniert.
Wie eine Maschine funktioniert. Wie eine Uhr funktioniert. Wie ein Herz funktioniert, das noch schlägt, aber nicht mehr fühlt wozu.
Die Rüstung eines Toten
Wolfram erzählt etwas, das leicht übersehen wird: Parzival hat eine Rüstung. Nicht irgendeine — er hat sie einem Toten abgenommen. Dem Roten Ritter, den er erschlagen hat, ohne zu wissen, was er tat. Er zieht die fremde Rüstung über — aber darunter trägt er noch die Narrenkleidung, die seine Mutter ihm angezogen hat.
Er sieht aus wie ein Ritter. Er bewegt sich wie ein Ritter. Die Rüstung glänzt. Aber darunter: der Junge in den Fetzen seiner Kindheit. Und die Rüstung ist so gut, dass niemand die Fetzen sieht. Nicht einmal er selbst.
Ich kenne diese Rüstung. Ich habe sie dreißig Jahre getragen.
Warum ich sie angezogen habe und was darunter lag, erzähle ich hier nicht. Dafür schreibe ich das Buch.
Der König war ich selbst
In zwei Jahren werde ich sechzig. Lange habe ich gedacht, mein Problem sei eine Frage von Strategie. Das richtige Projekt finden. Den richtigen Ort. Die richtige Frau. Die richtige Reihenfolge.
Erst spät habe ich gemerkt, dass ich vor demselben verwundeten König stand wie Parzival. Nur war der König ich selbst. Und die Tischordnung, die ich seit Jahrzehnten optimierte, war eine Form, das nicht zu sehen.
Die Rüstung ablegen
Was mir fehlte, war nicht Stärke. Nicht Disziplin. Nicht ein System.
Was mir fehlte, war die Erlaubnis, ein Mann zu sein, der fühlt. Der den Schmerz nicht analysiert, sondern weint. Der die Rüstung ablegt — nicht weil der Kampf vorbei ist, sondern weil manche Dinge nur mit nackter Haut berührt werden können.
Die Teflonrüstung hat mich durch dreißig Jahre getragen. Sie hat funktioniert. Sie hat mich geschützt.
Aber sie hat auch jede Hand abgleiten lassen, die mich berühren wollte.
Wolfram wusste das. Achthundert Jahre, bevor es Therapie gab, hat er einen Ritter beschrieben, der alles richtig macht — kämpft, siegt, überlebt — und trotzdem versagt. Weil er die eine Sache nicht tut, die keine Rüstung der Welt ersetzen kann:
Fragen. Fühlen. Die Narrenkleidung unter dem Stahl zugeben.
Durch Fragen ward das Heil gewonnen, durch Schweigen ging es einst verloren.
— frei nach Wolfram